Walbecker Spargel in der zeitgenössischen Presse
Einige interessante Zeitungsartikel aus den 30er Jahren, sehr interessant zu lesen.
Walbecker Spargel
Von Dr. agr. K a r l J a n ß e n, Geldern.
Erschienen 1933 in verschiedenen Zeitungen
Walbeck? - Spargel aus Walbeck? - Diese Frage kann man des öfteren hören, wenn man den interessierten Käufer vor den Auslagen der einschlägigen Geschäfte beobachtet, in denen Walbecker Spargel geführt wird. - Durchaus verständlich!
- Wer schon hatte je etwas von Walbeck gehört, dem Grenzdörfchen, das still verträumt im Sommer in blühender Glockenheide eingebettet umrahmt von dunklen Kieferwaldungen am Niederrhein den Uebergang nach Holland vermittelt?
Der Imker, gewiß der wußte die Walbecker Heide zu schätzen. Der zünftige Schmuggler hatte hier seine Heimat neben biederen, schwerfälligen niederrheinischen Kleinbauern, die mit Beharrlichkeit und großen Mühen dem spärlichen
Sandboden bescheidenen Ertrag abzuzwingen versuchten. Meist jedoch reichte dieser allein nicht aus für den Unterhalt seiner vielköpfigen Familie; immerhin war der Ertrag noch zu reichlich, um den Kampf mit der Scholle aufzugeben. Schon diese Tatsachen deuten auf den Charakter der Gegend und ihrer Bevölkerung, die durchweg, wie das ganze Volk beiderseits der Grenze “s t e i n reich”, im übrigen aber mit irdischen Gütern nur wenig gesegnet ist.
“Bezwinger des Hungers” nennt Paul de Kruif in seinem ebenso bezeichneten Buche die Weizenjäger Kanadas, die Maiszüchter und Kämpfer gegen tierische Seuchen. Von nichts anderem waren diese durch große Uneigennützigkeit ausgezeichneten Leute beseelt, als den Kolonisten vom Osten bis zum Westen Nordamerikas erträgliche Lebensbedingungen zu schaffen. Welch wundervoller Gedanke, sich diese zähen, hageren Yankeesiedler vorzustellen.
Heroisch - in unserer Vorstellung - ohne Frage besonders aber, weil es in Amerika geschah, fern von uns und fern auch unserem Gesichtskreis und damit überzeugend für die uns eigentümlichen Gedankengänge.
War denn die Erschließung des Grenzortes Walbeck als Spargelanbaugebiet im Grunde genommen etwas anderes, wenn auch
im verkleinerten Maßstabe?! Wollte denn der um die Einführung des Walbecker Spargelanbaugebiets so verdienstvolle Pionier, der vor zwei Jahren zu früh verstorbene ehemalige Generalstabsoffizier Major Dr. Klein-Walbeck, etwas anderes, als den Hunger seiner Mitbürger bezwingen?
- ihnen günstigere Lebensbedingungen schaffen?
Er hat es mit echter soldatischer Beharrlichkeit gezwungen. Heute baut Walbeck auf rund 300 Morgen Spargel an.
Wenn früher der Kleinbauer, mit langsam schwerfälligen Schrift im Frühjahr sein Feld bestellend, nur bescheidene Hoffnungen dem mageren Boden anvertraute, so herrscht heute beim ersten Frühjahrssonnenstrahl in Walbecks Feldern hoffnungsvolles,
emsig frohes Leben. Teils mit Gespannen, teils mit modernem Trecker werden schnurgrade Dämme aufgeworfen, den zum Leben erweckten Spargel am allzufrühen Drängen zum Licht zu hindern.
Hat dann gegen Ende April die Sonne genügend Kraft erreicht, den lockeren Sandboden zu erwärmen, dann gibts kein
Hallen mehr.
Der Spargel ruft die sauber gekleideten Mädchen, mit weihen Kopftüchern zum Schutze gegen die Sonne geputzt, ins Feld.
Die “Saison” beginnt. Ein Aufatmen geht durch die Gemeinde. Für Fleiß und Sorgfalt eines Jahres winkt der verdiente Lohn!
Die Walbecker Spargelbauern haben sich unter Leitung des erwähnten Majors Dr. Klein-Walbeck zu einer, Anbaugenossenschaft
zusammengeschlossen. - Der Absatz geht über die Versteigerungsgenossenschaft Straelen, bei der täglich bis zu 200 Zentner Spargel gehandelt werden. Der Grundpfeiler der Walbecker Genossenschaft ist immer noch das Rittergut Walbeck.
Es ist geradezu erstaunlich, zu beobachten, wie von hier aus immer wieder neue Ideen zur Förderung des Spargelbaues und -Absatzes, zuvor nach allen Richtungen erprobt, ihren Weg zum Nutzen der Genossenschaft und damit der ganzen Gemeinde Walbeck nehmen. Es ist nicht zuviel gesagt, wenn man behaupet, daß heute der Walbecker Spargel führend am Markt, keine anderen Herkünfte mehr zu fürchten braucht. Die Nachfrage nach Walbecker Spargel in den einschlägigen Geschäften des Westens stellt dies täglich unter Beweis.
Seinen Ruf verdankt er erstens seinem köstlichen Aroma und Geschmack, aber auch seiner sorgfältigen Behandlung bei der Ernte und vor allem auch bei der Sortierung und Verpackung. Wenn ersteres auf die gegenüber anderen Herkünften und von früheren
Spargelanbaumethoden abweichenden Grundsätze des Walbecker Spargelbaues zurückzuführen ist, so ist für ausgezeichnete Sortierung und Verpackung der Wille der Walbecker Spargelbauern verantwortlich zu machen, der ganz und gar darauf eingestellt ist, den Wünschen der Verbraucherkreise trotz erheblicher Mehrbelastung in jeglicher Weise entgegenzukommen.
Im allgemeinen wird sortiert nach Dicke und Länge der Stangen und ihrem Aussehen, d. h., ob sie vollkommen schneeweiß oder durch Lichtbeeinflussung mit leicht blauen Köpfen versehen sind. In Qualität sind letztere dadurch um nichts geringer.
Vom Rittergut Walbeck mit einem Areal von etwa 120 Morgen Spargel werden 12 verschiedene Spezialsortierungen herausgebracht. Der Spargel kommt in 10-Pfund-Kistchen zum Versand. Vor jedem Drittel des Inhalts der Kistchen erscheint ein Banderolenstreifen, der die betreffende Sorte kennzeichnet. Die AusleseSorten sind zu je 1-Pfund-Paketchen in Cellophanpapier gehüllt. Außerdem kommen noch getrocknete Spargelschalen für Suppen in Cellophanbeutelchen zum Versand. Die Konservierung von Spargel in Büchsen ist im letzten Jahr ausprobiert worden.
Durch die Beschäftigung von ungefähr 160 Leuten, in der Hauptsache Erwerbslosen, kleinen Handwerkern und Leuten
aus kleinbäuerlichen Betrieben, denen zum Nebenverdienst noch reichlich Zeit zur Verfügung steht, wird hier eine große soziale Aufgabe erfüllt.
Walbeck gedachte seines großen Wohltäters
Feierliche Ehrung des Gründers des Walbecker Spargelbaues
Major a. D. Dr. Klein-Walbeck unvergeßlich
Erschienen in der Nationalzeitung” am 17. Januar 1934
Wer kannte früher das kleine Grenzdörflein Walbeck? Man wußte höchstens, daß es im äußersten
Westen des Kreises Geldern lag und seine Bewohner sich auf dem kargen Sandboden schlecht und recht durchs Leben schlugen.
Weiche Umwandlung dagegen heute! Durch den Unternehmungsgeist eines weitblickenden Mannes, der sein Lebenswerk darin sah, seinen mühsam um ihre Existenz ringenden Volksgenossen bessere Verdienstmöglichkeiten zu eröffnen, wurde Walbeck aus
dem Dornröschenschlaf erweckt. Was früher kaum für möglich gehalten wurde, woran auch niemand nur entfernt glaubte, was nur alleiniges Privileg der Altmark, Braunschweigs und anderer Gegenden zu sein schien, wurde durch das Werk dieses wackeren Mannes ermöglicht. Walbeck besitzt heute ausgedehnte Spargelkulturen, und Walbecker Spargel” ist dank seiner vorzüglichen Qualität im ganzen deutschen Vaterland verbreitet und bekannt. Nicht nur im Frühling und Sommer, wenn der Spargel als
Frischgemüse Verwertung findet, sondern auch im Winter sieht Walbeck zahlreiche Fremde, die das köstliche Produkt, fein säuberlich in Büchsen konserviert, einkaufen. Und fragt man: Woher dieses rege Leben und Treiben in dem einst so stillen Dörflein? Dann wird jedes Kind mit Stolz antworten: “Das verdanken wir unserem guten Major Klein.”
Um diesem großen Wohltäter, der Mitte April 1931 im Erbbegräbnis seiner Familie zu Bonn zur ewigen Ruhe gebettet wurde, eine wohlverdiente Ehrung zuteil werden zu lassen, hatten sich die Mitglieder der Walbecker Spargelbaugenossenschaff am Sonntag
zu einer schlichten Feier im Gründungslokale eingefunden.
Der Vorsitzende der Genossenschaft eröffnete die Gedenkfeier und begrüßte alle Anwesenden, insbesondere die
Ehrengäste, und erteilte dem Geschäftsführer das Wort zur Gedächtnisrede, der folgendes ausführte:
Hochverehrte Gäste, liebe Spargelbaugenossen! Zu einer seltenen Feier hat Sie heute der Vorstand der Spargelbau-Genossenschaft
eingeladen. Es ist eine denkwürdige Stunde in der Geschichte des Walbecker Spargelbaues sowie unserer Genossenschaft, die uns heute hier zusammenführt. Heute wollen wir einem großen
Wohltäter unserer Gemeinde
eine verdiente Ehrung zuteil werden lassen. In dankbarer Erinnerung und zum ehrenden Andenken soll heute das Bild des
Gründers des Walbecker Spargelbaues und 1. Vorsitzenden unserer Genossenschaft, des verstorbenen Majors a. D. Dr. Klein-Walbeck, in diesem Lokal, wo seinerzeit die Genossenschaft gegründet wurde, enthüllt werden. Um die Verdienste des Verstorbenen voll und ganz zu erfassen und würdigen zu können werden Sie mir gestatten, in Kürze über den Werdegang des Walbecker Spargelanbaues zu berichten.
Nach dem unglücklichen Ausgang des Weltkrieges wurde aus dem aktiven Offizier der Bauer Dr. Klein-Walbeck, der sich fortan mit großem Eifer und Erfolg der Bewirtschaftung des Familiengutes Haus Walbeck widmete. Die Beobachtungen der schönen Spargelkulturen in Belgien, die er während des Krieges gemacht hatte, brachten ihn zu dem Entschluß, auf dem vorzüglich dazu geeigneten Sandboden seines Gutes ebenfalls Spargel anzubauen. Die ersten Felder wurden angelegt und brachten den erhofften Erfolg. Nach und nach wurden immer größere Flächen angelegt, und als der Erfolg gesichert war, war es eine Herzenssache des Verstorbenen, auch die Walbecker Bürger und Bauern zur Anlage von Spargelkulturen anzuhalten.
Er wollte diese neue Sache nicht allein für sich behalten, im Gegenteil, er wollte die Erträgnisse des kargen Walbecker Bodens heben, und seine Mitbürger sollten Anteil haben an diesem neuen Erwerbszweig. In mehreren Versammlungen suchte er seine bis dahin noch sehr mißtrauischen Mitbürger zu bewegen, seinem Rat zu folgen und sicherte ihnen seine Unterstützung in allen in Frage kommenden Arbeiten zu, Groß war daher seine Freude, als endlich im Herbst 1927 sich 33 Personen bereit erklärten, im Frühjahr
1928 auch Spargel anlegen zu wollen. Die nun zu erledigenden Vorarbeiten wurden von dem freuen Mitarbeiter des Majors, unserem unvergeßlichen Kameraden Barthel Eyckmann, ausgeführt. Um die großen Kosten der Neuanlagen bestreiten zu können, beschaffte Dr. Klein-Walbeck den Anbauern Kredite, für die in dankenswerter Weise der Kreis Geldern eine Zinsverbilligung einräumte.
Hier an dieser Stelle soll auch unserem verehrten Landrat der Dank aller Spargelbaugenossen ausgesprochen werden für die jederzeit bereite Unterstützung und Förderung, und ich möchte hier den Wunsch äußern, daß es auch in Zukunft so bleiben möge.
Um den einheitlichen Anbau und die Behandlung des Spargels, vor allen Dingen aber die Produktion geschlossen auf den Markt zu bringen, wurde auf Vorschlag von Dr. Klein-Walbeck am 1. Januar 1929 die
Walbecker Spargelbaugenossenschaft
gegründet, deren 1. Vorsitzender der Verstorbene war. Mit Rat und Tat stand er uns allen zur Seite, keine Mühe und Arbeit scheuend, um allen . seine reichen Erfahrungen nutzbar zu machen. Vor allen Dingen trat dieses in Erscheinung, als die ersten Anlieferungen
der Genossenschaft im Jahre 1930 vor sich gingen. Auf eine einheitliche Sortierung zwischen Haus Walbeck und Genossenschaft nach Braunschweiger Art, insbesondere auf den Versand von nur einwandfreier Ware, wurde vom Vorsitzenden immer hingewiesen. Die strikte Durchführung dieser beiden Punkte haben dem Walbecker Spargel seinen Namen gemacht.
Diejenigen, die dem Verstorbenen damals glaube konnten und wollten, die seinem Rat gefolgt sind ur in den ersten Jahren Spargel angelegt haben, werden heute dankbar anerkennen müssen, daß bei dem Tiefstand der anderen landwirtschaftlichen Erzeugnisse den letzten Jahren der Spargel viel mitgeholfen hat über die schwere Krise der letzten Jahre hinweg zukommen.
In den nachfolgenden Jahren wurde vom Vorsitze den immer wieder für den Anbau geworben und immer mehr Neuanlagen
kamen hinzu, bis am 17. April 19 mitten in seinem Wirken und Schaffen ein unerbittliches Schicksal ihn aus unseren Reihen riß; allzufrüh
für seine Angehörigen und auch allzufrüh für uns Spargelbaugenossen mußte er scheiden. In ehrlicher Trauer stand den die Bürger Walbecks an seiner Bahre in der Erkenntnis, daß ein treudeutscher Mann, der für sein Volksgenossen stets das Beste gewollt, der gern und freudig mitgearbeitet hat am Aufbau seines geliebte Vaterlandes, zur großen Armee abberufen wurde. Sei Werk aber, das Lebenswerk eines Soldaten, der zu Scholle zurückfand, besteht weiter.
Immer größer sind seit dem Tode unseres 1. Vorsitzenden die Spargelanlagen geworden; vor allem auch durch die tatkräftige Mitarbeit von Frau Klein-Walbeck, die im Geiste ihres verstorbenen Manne stets eifrig bemüht ist, den Walbecker Spargelbau und damit auch die Interessen der Genossenschaft zu heben und zu fördern.
Alljährlich, wenn in den Monaten Mai und Juni fleißige Hände sich auf den Spargelfeldern regen und der Spargel vielen Volksgenossen Verdienst und Brot gibt, wenn Walbecker Spargel auf der Erzeuger Versteigerung in Straelen gute Preise erzielt und frohe und zufriedene Käufer findet, erklingt immer wieder das Lob auf unseren Major Klein, denn mit dem Walbecker Spargel ist sein Name
unauslöschlich verbunden.
Es ist einmal der Ausspruch getan worden:
Dankbarkeit ist eine Tugend, die man nicht jedem zumuten kann.” - Uns Spargelbauern soll dieser Vorwurf nicht treffen.
Wir Spargelbauern kennen noch deutsche Treue und Dankbarkeit. Nimmer werden wir unseren Major Klein vergessen, in unseren Herzen lebt er weiter, und das Andenken wird fortdauern auch in späteren Zeiten an ihn, den Gründer des Walbecker Spargelbaues.
Quer durch den Kreis Geldern
Erschienen in der Westdeutschen Zeitung” am 9. Juli 1933
Bald erreicht man das stattliche Grenzdorf Walbeck, die Hochburg des Spargelbaues am Niederrhein. Eine herrliche Landschaft umgibt das schmucke, saubere Dorf, die charakteristische Landschaft erfährt ihre Krönung im Bilde des Ortes, von zwei uralten Windmühlen
umsäumt. Ringsum breiten sich, üppige Kornfelder stattliche Wälder und still verträumte Heideflächen durch die sich reizende Spaziergänge hinziehen. Keine rauchentwickelnde Industrie verdunkelt das Blau des Himmels, würzige, ozonreiche Tannenluft erfüllt weit und breit die Landschaft.
Etwa zehn Minuten vom Dorf liegt die Wasserburg
Schloß Walbeck, ehemals der stolze Rittersitz der Schenken von Nydeggen. Auf stillem Waldpfade ge-langt man von dort zur alten Burg Steprath, in unmittelbarer Nähe der holländischen Grenze. Diese Schlösser erinnern an Walbecks tausendjährige Vergangenheit, die eng verknüpft ist mit der Geschichte des Herzogtums Geldern. Südlich vom Dorf befinden sich die Ueberreste der Fossa Eugeniana, jenes unvollendet gebliebenen Kanals, der 1626 von den Spaniern angelegt wurde. Reste von den alten Bastionen und Wällen, so das in der Nähe gelegene Lingsfort, erinnern an die blutigen Kämpfe zwischen den Spaniern und den abgefallenen Niederländern.
Seit dem Jahre 1920 ist das Leben und Treiben in der einst so armen, mit schlechten Bodenverhältnissen “beglückten”
Gemeinde anders geworden. Der leider allzu früh verstorbene Major Klein-Walbeck kehrte auf sein ererbtes Rittergut zurück und widmete sich dem Garten- und Feldbau. Schon damals war sein Grundsatz “Gemeinnutz geht vor Eigennutz”, und lange hat er überlegt, wie es möglich werden könnte,
nicht nur dem Gut, sondern auch seinen meist verarmten Mitbürgern eine Einnahmequelle zu schaffen. Er kam dann auf die Idee, Spargel zu bauen und machte auf kleinen Anlagen zunächst Versuche, die ihm Hoffnung gaben für sein Unternehmen. Bodenbearbeitung Düngung, Arbeitsmethoden und ähnliche Dinge arbeitete er durch, erzielte dabei gute Ergebnisse, und schor in einigen Jahren sah man um das Rittergut Walbeck herum, aber auch in der Gemeinde Walbeck selbst große Spargelkulturen, die heute mehrere 100 Morgen betragen. Hinsichtlich der Sortenwahl, Qualität, Verpackung, Behandlung und Schnelligkeit wurde alles geprüft und verwertet, und mit Recht kann Walbeck heute sagen: Walbecker Spargel ist der beste. Neben de Frau Major Klein-Walbeck, die
mit bewundernswerten Fleiß und Energie die großen Aufgaben leitet, verdient auch die Genossenschaft genannt zu werden, die alle daransetzt, die besten Produkte dem Boden abzuringen.
Walbecker Mai
Plauderei von Marianne Klein-Walbeck, geb. Lamprecht Rittergut Walbeck
Erschienen in der Nationalzeitung” am 26. Mai 1935.
Um eine Spargelernte ist etwas Glückliches und Frohes, wie um jede Ernte. Es ist keine Freude, die man sich nimmt, irgendwie, ohne Grund. Um jede Ernte ist die Heiterkeit des Selbstverdienten, des Erwarteten, des Ersehnten.
Ich habe manchmal darüber nachgedacht, woher dies Reizvolle der Spargelzeit kommt. Die Menschen, die kein Landleben
kennen, sagen natürlich: “Das ist leicht verständlich, in der Spargelzeit habt Ihr Walbecker Geld.” Gewiß,, für die meisten
wird es der Augenblick sein, der sie von Sorgen befreit, der ihnen etwas Sorgloses gibt, für wohl alle eine Zeit, in der sie mit vielen großen und kleinen Wünschen spielen und davon träumen, sie könnten sich alle erfüllen. Die meisten gebrauchen das Spargelgeld dann freilich doch für das Nötige im Laufe des Jahres.
Und doch ist an sich, über all diesem immer die wirklich eigentliche Erfüllung da. In der Spargelernt( wird der Erfolg einer Jahresarbeit sichtbar, nein, sogar einer Arbeit von vielen Jahren. Und das Gefühl diese Erfolges fällt in den Mai, den reizvollsten
Monat de Jahres. Das ist wohl das Glück der Spargelzeit.
Vier Jahre Arbeit, Ausgaben für den Acker, und nun kommt die erste Ernte, und dann kommt sie jede Jahr immer wieder, wenn wir die Scholle gut pflegen Das ist beglückend! Gewiß jedes Jahr muß erneut in Sommer gejätet, gedüngt, gepflügt,
geeggt und immer wieder gejätet werden. Die Schädlinge müssen bekämpft, das Spargelkraut gemäht und verbrannt, und wieder muß im Herbst das Land bearbeitet, gedüngt, geeggt und gejätet werden. Schließlich kommt im Frühjahr die schwerste Arbeit: das gartenmäßig behandelte Land wird in Wälle aufgepflügt. Pferd und Mann können es kaum leisten. Mit Maschinen aufzupflügen, ist kaum weniger anstrengend und dazu noch eine Kunst.
Aber nun kommt die Ernte! Jung, gesund und leistungsfähig sind fast alle, die mit der Spargelernte zu tun haben, denn es ist eine schwere Arbeit, und ein sechzehnstündiger Arbeitstag ist keine Seltenheit. Denn der Spargel schießt, er kennt keine Vorschriften und Paragraphen, sogar Sonntage kennt er nicht. Er schießt, und wird er nicht genau im richtigen Augenblick geerntet, so ist er kaum
mehr etwas wert. Wochentags, Sonntags, blinken die weißen Kopftücher, die hellen Hemdsärmel auf den Feldern, in brennender Sonne, in Wind und Regenschauern, in Staubwolken gehüllt, wenn Sturm über die trockenen Sandwälle bläst. Der Sand fliegt in die feuchten Gesichter, doch in diesen staubigen Gesichtern blitzen blanke Augen. Die Stimmung bei diesen Kolonnen junger Menschen ist froh, wenn auch die Bewegungen abends müder und langsamer werden.
Wenn beim Erntedankfest dann später die braungebrannten Gesichter frisch gewaschen über den lichten, neuen
Tanzkleidern und neuen Anzügen lachen, meint man, junge Leute zu sehen, die monatelang an der See Sport getrieben haben. Aber nein, hübscher sehen sie aus, denn in den verbrannten Gesichtern sieht man die Zufriedenheit, Nützliches geleistet zu haben. Der Ausdruck ist glücklicher als der von Sportsleuten.
Bei der schweren Arbeit des Spargelstechens kann ein Arbeiter oder eine Arbeiterin bei kaltem Wetter “wenn man den Spargel suchen muß'’,
nur wenige Pfunde in der Stunde aus dem Boden herausarbeiten. “Wenn der Spargel uns entgegenkommt”, also bei heißen Wetter, geht es schneller.
Aber mit dieser Arbeit ist es noch nicht getan. So wie der Spargel gestochen wird, alle Sorten durcheinander, kommt er in Kisten vom Feld zur Pumpe und in wassergefüllte Betonbassins, in denen er oberflächlich gereinigt wird, um danach von vielen geschickte und flinken Händen sorgfältig gespült und sortiert zu werden, oft in 15 bis 20 verschiedene Güteklassen Auch hier im Sortierraum
lauter junge Menschen a langen Tischen, An heißen Tagen ist es hier wohl gemütlicher als auf dem Feld, aber bei kühlem Wetter i das lange Stehen und Hantieren mit Wasser und Spargel oft sehr anstrengend.
Trotzdem ist auch hier die Stimmung gut, denn wenn sie dürfen, singen die jungen Mädchen Volks- und Kirchenlieder, mehrstimmig, was sehr hübsch klingt. Aber freilich, nicht oft dürfen sie singen, denn “es stört beim Rechnen”, und hier in der Nähe des Sortierraumes wird schon viel “gerechnet”. Schreibmaschinen klappern, Briefe werden diktiert, Autos fahren vor, es wird disponiert, geleitet und regiert”. Der Fernsprecher klingelt, die verschiedenen Klingelzeichen geben Signale. Und wenn hier auch Tulpen blühen und blauweiß und sommerlich die Fensterläden leuchten und die Schreibstube oft unter einem bunten Gartenschirm eingerichtet ist und man in Korbmöbeln darunter sitzt, hier ist - leider - oft schon ein Hauch des hastigen, drängenden, städtischen Lebens.
Hier sieht man auch schon etwas ältere Gesichter. Das älteste gehört dem bewährten Listenführer
im Kontörchen”, dem Papa A., der alljährlich zu seinen “Spargeltöchtern” zurückkehrt. Ueberhaupt feiern jedes Jahr altbekannte Gesichter in der Spargelzeit ein Wiedersehen, und das hat etwas sehr Behagliches.
Der sortierte Spargel wird später noch tiefgekühlt, damit er ja nicht heiß, so wie er vom Feld kommt, verpackt wird. Er würde sonst bald verderben. Am Kühlraum ist auch eine kleine “Kistenfabrik” eingerichtet. Tack, tack”, geht es den ganzen Tag, und jedesmal sitzt ein Nagel, und aus kleinen Brettern werden Kistchen. Zwei Stempeljungens haben daneben einen kleinen Werktisch und versehen die Kistchen mit bunten Sortenstempeln. Eins greift ins andere, und plötzlich stehen im Packraum, wo eine gewissenhafte Frau jedes Kistchen nachwiegt, Stapel von fertig gepackten Spargelkistchen, sortenmäßig geordnet. Oft gehen die Kistchen in die Tausende. Eine Reihe junger Leute in blau-weißen Jacken “verlädt”. Wie Ziegelsteine bei Maurern fliegen die Spargelkistchen von Hand zu Hand und landen im großen oder im kleinen Anhänger, vor denen der blaue Schlepper schon fahrbereit rattert.
Und dann erst, lieber Leser oder liebe Leserin, ist der Spargel so fertig, wie du ihn kennst. Vielleicht kennst du ihn sogar nur als weiße Stangen, mit kalter Butter auf hellem Meißener Teller, so ging es mir früher auch. Aber nun kenne ich die lange Vorgeschichte der weißen Spargelstangen aus eigenem Erleben, aus gartenmäßig gepflegter Erde, in Sonne, Wind und Wetter gestochen, gewaschen, sortiert, gewogen, verpackt, eine lange Reihe von Arbeit.
Und doch ist um den Spargel etwas leichtes, Anmutiges, Sorgloses und Frisches. Nur Pastellfarben stehen ihm. In mancher
Gegend nennt man ihn “Maikerze”. Auch dieser Name steht dem Spargel. Zu ihm passen Maiglöckchen, Flieder, junge Birken im ersten Laub, leichter Wind und Vogelgezwitscher.
Die beiden einzigen Männer in Walbeck, die über 10 Jahre Gefolgschaftstreue hielten und dafür durch
Uebergabe einer Ehrenurkunde öffentlich ausgezeichnet wurden
Anton Cox, Gärtner auf dem Rittergut Walbeck.
Wenn jemand in der Zeitung liest: “Gärtner Anton Cox 10 Jahre”, so kann kaum jemand ermessen, was alles hinter diesen
kurzen Worten steckt. Zunächst ,Gärtner”. - Ist Cox Gärtner?
Gewiß, er kann den Garten versorgen und versteht von Pflanzen viel. Er hat eine glückliche Hand im Garten. Aber er kann noch viel mehr, und wie vielseitig ist seine Geschicklichkeit! Er montiert die feinsten Meißener Kronleuchter und zerbricht dabei kein Blümchen! Tut das gleiche ein Fachmann, so gibt es entschieden mehr Scherben. Mit der gleichen Geschicklichkeit bedient Cox aber auch die Brutmaschine und repariert sie sogar, fährt er den Lanzschlepper und zieht Spargelwälle, repariert er das Auto, versorgt er die Pferde! Er ist Sachkenner in Hühnern, Kolonnenführer in der Spargelzeit, er macht Land urbar - in diesem Jahre 25 Morgen - er entwässert Sümpfe, er kennt Waldarbeiten, kurz, es gibt nichts, was ihm nicht Spaß machte. Nur jeden Tag dasselbe tun, das würde ihm nicht liegen.
Als wir im Jahre 1920 auf unser Haus zogen, gab unser alter Waldhüter Johann Cox in Spitzfeld uns seinen Sohn Anton, und zwar nahm damit Anton die Stelle ein, die bereits sein Vater als junger Mann auf dem Rittergut Walbeck inne gehabt hatte. Anton hatte gerade die vier Kriegsjahre hinter sich, die ihn nach Italien, Frankreich und Rußland an die Front geführt hatten, mit dem Eisernen Kreuz kehrte er heim. Aber die vielerlei friedliche Arbeit auf dem damals noch von der belgischen Einquartierung verwüsteten Haus machten ihm Freude.
Er blieb drei Jahre lang bei uns. Als er 1923 heiratete, ging er auf einen Hof nach Pont als Verwalter. Aber bald zog es ihn wieder in seine heimatliche Ecke, er kam mit seiner Frau 1926 auf das Rittergut Walbeck zurück, wo er seitdem den ganzen ,Aufbau des vielseitigen Betriebes miterlebt hat, überall mit Interesse zupackend.
Arnold Holtmanns,
Revierjäger auf dem Rittergut Walbeck.
Holtmanns konnte im Leben nur Jäger sein, das ist er aber auch ganz. Auch er ist Kriegsteilnehmer von 1914 bis 1918 wie Cox und seit dem Jahre 1921 für das Riffergut Walbeck tätig. Beide sind passionierte Schützen, und an manchem Sonntag hört man das Wettschießen von Cox und Holtmanns in der sonntäglichen Stille. An den Werktagen streift Holtmanns durch das Revier, das er weit
genauer als seine Tasche kennt, kein Raubzeug kommt bei ihm hoch. Er sorgt dafür, daß die Iltisse und Füchse nicht im Hühnerhof Aerger und Verluste bereiten.
Während die schönen Wälder des Gutes vom Kreisjägermeister und Revierförster Göpfert betreut werden, gilt Holtmanns Interesse der Hege von Hasen und Fasanen, dem Kampf gegen Kaninchen und Habichte, dem Abschuß von Waldtauben und der Beobachtung von Vögeln und sonstigem Gefier. Rehe gibt es nur selten, seit die belgische Besatzung ein Drittel der Wälder in Brand steckte und das vor dem Feuer flüchtende Wild abschoß.
Heute aber sieht man nichts mehr von diesen Schrecken. Friedlich wachsen die aufgeforsteten Kulturen und wohlgehegt vermehrt sich das Wild.
Ein Spargelmustergut im Rheinland
Von Dr. Heinz Roth.
Erschienen in der Deutschen landwirtschaftlichen Presse-, Berlin, am 8. Mai 1937
und in der Rheinischen Monatsschrift für Obst-, Garten- und Gemüsebau Mai 1937
herausgegeben von der Landesbauernschaft Rheinland, Bonn
Der deutsche Spargel mit seinen großen Anbauflächen, - sieht er doch im Anbau von Gemüse hinter dem
Weißkohl, also an zweiter Stelle - und seinen Absatzmöglichkeiten hat für den deutschen Gemüsebau insofern eine besondere Bedeutung, als sich die Spargelzeit in wenige Wochen zusammendrängt und gerade in den letzten Jahren dem Frischabsatz neue Absatzkanäle erschlossen werden muhten. Ernteanfall und Verteilung wurden auch durch das Anwachsen der Spargelanbauflächen schwierig, so darf die Marktordnung als Spargelabsatzregelung, aufgebaut auf den Erfahrungen der Vorjahre, eine nicht mehr zu umgehende
Notwendigkeit wurde. Die Gesamtanbaufläche des Spargels wird für das Jahr 1936 mit 13 882 Hektar in den Hauptgemüseanbaugebieten angegeben, woraus die Bedeutung des Spargelanbaues ohne weiteres hervorgeht. Die großen
Spargelanbaugebiete, wie Hessen, Braunschweig, Brandenburg usw., sind aus einer allen Ueberlieferung mit den Problemen um den Spargelbau und den Spargelabsatz eng verwachsen. Hier gründet die Erfahrung vieler Jahre ein Wissen um diese Dinge, Etwas anderes aber ist es, wenn ganz neue Gebiete dem Spargelbau erschlossen werden. Einmal besteht hier die Unsicherheit, ob und wie in diesen neuen Gebieten Spargel überhaupt wächst und die noch größere Unsicherheit, ob sich der Spargel dieser Gebiete in den Verbraucherkreisen halten kann und überhaupt einführen äßt. Die Voraussetzung eines jeden Spargelanbaues sind geeignete Grundlagen. Dies zu erproben ist eine erste Aufgabe. Die Zweckmäßigkeit des Beginnens eines solchen Unternehmens wird in geradezu vorbildlicher Weise am Rittergut Walbeck bei Geldern am linken Niederrhein gezeigt, das sich im Laufe der Jahre und unter der einsichtsvollen und tatkräftigen Leitung seiner Besitzer zu einem Spargelmustergut ersten Ranges aufschwingen konnte, so daß es sich sehr wohl verlohnt, über dieses Spargelmustergut Näheres zu erfahren.
Walbeck, das Grenzdörfchen und das benachbarte Rittergut, haben es sich nicht träumen lassen, daß die Einsamkeit ihres stillen Daseins und die Verträumtheit der von dunklen Kiefernwäldern und von Mischwald umgebenen Walbecker Heide eines Tages einer gewissen Berühmtheit Platz machen mühten. Heute ist das Spargeldorf Walbeck” für viele bereits ein Begriff geworden.
Dort, wo in verschlungenen Pfaden durchweg nur von Schmugglern begangen sich Gestrüpp und Heide ausdehnte, breiten sich heute die schnurgeraden langen Reihen fruchttragender Spargelfelder aus. Und wem ist das zu verdanken?
Auch hier wiederum ist es die Tat eines einzigen Mannes, die hier einem ganzen Gebiet neue Lebensmöglichkeiten erschloß. Major a. D.
Dr. Klein-Walbeck, der Besitzer von Rittergut Walbeck, der, allzufrüh verstorben, diese Pionierarbeit im Sinne seines ursprünglichen Berufes als Generalstäbler mit frischem Mut in Angriff nahm. Bis es zu der heutigen Ausdehnung und Besonderheit des Walbecker Spargelanbaues kam, war eine Menge Arbeit zu leisten. Jedenfalls sind die Walbecker Spargelanlagen nur ganz allmählich entstanden. Die Arbeiten nahmen ihren Anfang im Garten des Rittergutes Walbeck, wo Major a. D. Dr. Klein-Walbeck 3-4 Jahre lang Versuche zur Feststellung machte, ob eine Spargelanlage mit reinem Handelsdünger aufgebaut werden könnte, da eine Verbindung mit Viehzucht den Betrieb zu umständlich gestaltet haben würde. Als die Versuche ergaben, daß es bei sorgfältiger Handhabung der Handelsdüngergaben sehr wohl möglich sei, die Spargelanlagen auf die Dauer ertragreich zu hallen, wurde zunächst 1/4 ha in der
Heide angelegt. Aus diesem 1/4 ha wurden 3/4 ha, dann 24, dann 734, dann 15 und schließlich rund 30 ha. Für den Niederrhein schon ein großes Gebiet. Als es klar war, daß der Spargelbau für das Walbecker Gebiet ein Erfolg sein würde, riet Major Klein-Walbeck der Gemeinde, ebenfalls mit dem Spargelbau zu beginnen, ohne aber zunächst auf Einsicht und Verständnis für seine Arbeiten zu stoßen. Aus Mißtrauen und Ablehnung wurde aber bald Zustimmung, als kleine Gewerbetreibende und auch Arbeiter im Vertrauen auf die Erfahrungen des Rittergutes ebenfalls mit den Arbeiten einer Spargelanlage begannen. Einige Arbeiter schlossen sich zusammen, begannen auf einer Brandstelle zu roden und ein Spargelbeet anzulegen. Und zwar mit Erfolg. Durch den Erfolg liehen sich die übrigen Walbecker überzeugen. So wurde der Spargelbau in Walbeck allgemein. Und so entstand das Spargeldorf. Schließlich
konnte Major Klein-Walbeck eine Spargelgenossenschaft mit etwa 100 Mitgliedern gründen, die weiter ständig gewachsen ist und heute etwa 40 Hektar Spargel anbaut. Der Spargelbau erwies sich für die Walbecker Gegend als die beste Einnahmequelle, und das Dorf blühte in kurzen Jahren zusehends auf.
Es ist heute eine besondere Freude, zu Beginn der Spargelzeit nach Walbeck zu kommen und sich das emsige Leben und Treiben auf den Spargelfeldern anzusehen. Frau Klein-Walbeck auf Riffergut Walbeck führt mit emsiger Tatkraft das Werk ihres verstorbenen Mannes
fort und hat gerade in den letzten Jahren auch besondere Absatzerfolge aufzuweisen. Geschmackvolle Aufmachung und erstklassige Sortierung einer schmackhaften und gut gewachsenen Ware sind Leitsätze, die nie aus der Hand gelegt worden sind und die den Spargel des Rittergutes Walbeck so schnell und so umfassend berühmt gemacht haben. Wo früher sich die beschauliche Heide ausdehnte, beginnt heute mit dem ersten Frühjahrssonnenstrahl ein reges Leben und Treiben. Der Trecker wirft auf dem Gebiet des Riffergutes schnurgerade Dämme auf, um ein zu frühes Aufstreben des zum, Leben erwachten Spargels zu verhindern, wenigstens solange, bis die Zeit
zum Spargelstechen gekommen.
Ende April oder Anfang Mai, je nach der Wilterungslage, beginnt dann die Spargelernte. Da die große Arbeit auf Rittergut Walbeck mit den eigenen Kräften bei weitem nicht geschafft werden kann, werden zur Spargelzeit vom Rittergut Walbeck gegen 160 Arbeitskräfte
eingestellt, in der Hauptsache Erwerbslose, kleine Handwerker oder Mädels aus kleinbäuerlichen Betrieben, die so einen lohnenden Nebenverdienst in schwerer und schwieriger Arbeit finden. Denn so nett dem Zuschauer auch die sauber gekleideten und zum Schutz gegen die Sonne mit weißen Kopftüchern versehenen Spargelstecherinnen erscheinen mögen, so schwer ist doch die Arbeit des Spargelsiechens. Aber auch hier ist alles bis ins kleinste und beste organisiert. Ein kleiner Hof, der zum Riffergut gehört und am Rande der großen Spargelfelder liegt, ist für die Belegschaft des Riffergutes eingerichtet. Dort befindet sich die Garderobe, der umfangreiche Fahrradstand, der helle und saubere Speiseraum, wo mittags das für alle Auswärtigen gekochte Essen eingenommen wird, da
nur ein Teil der Belegschaft in der Mittagspause nach Hause kann. Dort nehmen die Spargelstecherinnen auch ihren gekennzeichneten Blechkorb mit den Geräten zum Stechen in Empfang. Dieser Blechkorb, der durch zwei Klappen geschlossen wird, hält den Spargel schon auf dem Felde frisch. Jeder gefüllte Korb wird dem “Kolonnenführer” abgeliefert, notiert und einem Gefährt übergeben, das den Spargel unmittelbar zum Rittergut in den Wasch- und dann in den Sortierraum bringt. Auch hier ist alles auf das vorbildlichste eingerichtet. Lange Becken nehmen den Spargel auf, um ihn vom Sande usw. zu reinigen. Einige Schritte über den Schloßhof, nur durch die Einfahrt getrennt, liegt der große Sortierraum, in dem das Leben in der Spargelzeit von der frühesten Morgenstunde bis zum späten Abend nicht erstirbt. Hier erklingen frohe Lieder der Sortiererinnen. Auch hier peinliche Sauberkeit und Ordnung, die bis ins kleinste geregelt
ist. Ein Plan an der Wand zeigt die jeweilige Tageseinteilung der hier beschäftigten Sortiererinnen. Jeden Tag gehen aus diesem Raume die
sorgfältig verpackten Spargelmengen in die Absatzkanäle.
Bevor wir uns aber mit dem Absatz und den einzelnen Verbrauchskanälen für den Walbecker Spargel beschäftigen,
sei noch erwähnt, daß eine eigene Schreinerei die nötigen Spargelkisten mit dem Walbecker Zeichen anfertigt. Eine eigene Druckmaschine druckt die Beschaffenheitszeichen der einzelnen Sortierklassen auf. Auch wird das Datum des Ablieferungstages aufgedruckt, so daß sich Handel und Verbrauch stets von der Frische des Spargels überzeugen können.
Aber auch in den Spargelfeldern ist Arbeit in jeder Weise gesorgt. Die für zweckmäßige Spargelanlagen sind in zwei große Teile geteilt. Ist auf einem Teil das Spargelstechen in Gang, so sorgt auf dem anderen Teil eine eigens von Frau Klein-Walbeck
für diesen Zweck konstruierte Schuffelmaschine dafür, daß die Spargeldämme usw. frei von Unkraut bleiben. Eine einfache, aber sehr kunstvoll konstruierte Einrichtung macht die geschuffelten Dämme wieder glatt. Schuffelmaschine und Glättvorrichtung werden von Shetlandponies gezogen, die zu diesem Zwecke eigens auf Rittergut Walbeck gehalten und nunmehr auch planmäßig gezüchtet werden.
Es erscheint nur als gerechter Ausgleich, wenn eine so sorgfältig und bis ins kleinste ausgedachte Wirtschaftsführung auch über einen entsprechenden Absatzerfolg verfügt. Aber auch der Geschmack des Walbecker Spargels zeigt eine eigene und besonders vorzügliche Note, die ihn neben seiner zum Kauf anregenden Verpackung und Sortierung bei den Verbrauchern so beliebt gemacht hat. Der Walbecker Spargel hat nie über Absatznöte zu klagen gehabt. Auch wenn die Märkte von anderen Herkünften überschwemmt waren, der Walbecker Spargel hat noch stets seinen Verbraucher gefunden. Daß es der Preis nicht macht, ist eine oft bewiesene Weisheit. Denn der Walbecker Spargel hat stets höhere Notierungen als andere Herkünfte zu erzielen vermocht.
Das muß doch seine triftigen Gründe haben. Und hat sie auch!
So erschlossen sich dem Walbecker Spargel ganz von selbst Absatzkanäle, da die beste Werbung für den Vertrieb der Spargel der Spargel selbst war. Der Verteilerhandel war um diesen Spargel nie verlegen, da er mit dieser Ware nie SchwierigkeitenIm Packraum. Links
Fräulein Johanna, die Sortierraumleiterin, unter der 40 bis 50 Hilfskräfte arbeiten, rechts Frau Uedelkofen, die die Aufsicht im Packraum hat, im Gespräch mit Spargelkäufern hatte und beim Einkauf bereits seinen Verkauf gesichert sah. Für die Erzeugerversteigerung im nahen Straelen, dem bekannten niederrheinischen Gemüseanbaugebiet, war so der Spargel aus Walbeck eine gern gesehene Zugabe weiterer Verkaufs- und Versteigerungsmöglichkeiten, Aber auch die unmittelbaren Belieferungen des Rittergutes liehen in nichts zu wünschen übrig. Auch hier erwies sich die Beliebtheit seines Spargels in seinen verschiedenen Sortierungen als eine noch bei weitem nicht ausgeschöpfte weitere Absatzmöglichkeit. Der Walbecker Spargel hat sich dank seiner mehr als sorgfältigen Behandlung als eine Gütebeschaffenheit besonderer Art erwiesen und sieht heute in der Reihe der Spargelherkünfte mit obenan. So konnte sich jenes Rittergut als ein Musterspargelgut entwickeln, das bahnbrechend für eine ganze Gegend und weit darüber hinaus wurde, dank der sorgfältigen Leitung einer tatkräftigen und umsichtigen Frau. Vielleicht auch muhte es gerade eine Frau sein, die mit feinem Verständnis für die Ansichten und Meinungen der Hausfrauen auch in der Spargelfrage das Richtige zu treffen wußte.
Wir haben gesehen, wie die Bearbeitung der Spargelfelder vor sich geht und wie alle Feinheiten eines neuzeitlichen Anbaues und Absatzes zu Hilfe genommen werden. Walbeck ist heute dank der tatkräftigen Hilfe und Führung des Rittergutes Walbeck nicht mehr das stille, unbekannte und verträumte Heidedorf, sondern für den Spargelkenner und Spargelesser ein Begriff geworden. Spargel vom Rittergut
Walbeck mit seinem blauen Herkunftszeichen, das wir auch an den Holzblenden des Schlosses finden, wird für den Markt auch für die weiteren Jahre von Bedeutung sein.
Über das geschützte Warenzeichen für den Spargel
vom Rittergut Walbeck
schreibt Die Verkaufskundin, Beilage “Der
Früchtehandel”, in ihrem Maiheft Nr. 5 im Jahr 1934:
Mehrfach haben wir während der diesjährigen Spargelsaison über die vorzüglichen Leistungen des Rittergutes
W a l b e c k (Rheinland) berichtet, das durch seine großangelegten Spargel-pflanzungen und seinen Qualitätsspargel, nicht
zuletzt aber durch seine charakteristische Schutz-marke auf allen Packungen, weit über die Gren-zen des Bezirkes hinaus bekannt geworden ist.” Die Zeitschrift bringt außerdem Abbildungen der Packungen und setzt folgende
Erläuterungen darunter:
Die Aufgabe eines Spargelmustergutes ist es nun, nicht allein dafür zu sorgen, daß Ernte und Absatz glatt verlaufen, sondern auch darauf zu sehen, daß die Schädlinge ferngehalten werden und sich gar nicht erst breitmachen können. Gelegentlich
einer Prämiierung der einzelnen Spargelfelder wurde bei einem Mitglied der Walbecker Spargelgenossenschaft Spargelrost festgestellt, der sich dann mit ungeheurer Schnelligkeit auf die nicht gespritzten Felder verbreitete. Bei günstigem Wind kann die Umgebung eines Befallsherdes binnen zwei Tagen kilometerweit verseucht sein. Daher wird auf Rittergut Walbeck grundsätzlich vorbeugend gegen Spargelrost mit Kupferkalk “Wacker” gespritzt, um so die Felder von jeglichem Spargelrost -freizuhalten. Der Spargelkäfer ist in Walbeck wenig festgestellt worden. Aber auch auf diesen Schädling wird sorgfältig geachtet, und die Gefolgschaft ist unterrichtet und gehalten jedes, auch das kleinste Vorkommnis zu melden, damit sofort eingegriffen werden kann. So wird auch nach dieser wichtigen Seite hin in Walbeck alles getan, um das Spargelgebiet rein zu halten und die Ernte in jeder Weise zu sichern. .Spargel, und zwar Markenspargel, das wohlbekannte Qualitätserzeugnis des Rittergutes Walbeck am Niederrhein. Kennzeichen ist das zweifarbige Rautenfeld, das unter dem Wort ,Spargel” nochmals groß gezeigt wird, und das auf allen Kisten, Werbeplakaten, Banderolen usw. immer wiederkehrt.
Aus der Farbe der Rautenmarke ist ohne weiteres die Qualität der betreffenden Sortierung zu ersehen. Ein vorzügliches Beispiel für die folgerichtige Anwendung einer Qualitätsmarke. Beweis sind die Preise, welche für diesen Markenspargel im Vergleich zu markenlosen Anlieferungen erzielt werden. ”
Unter einem Bild, das Spargelbündel
in Cellophan-Papier zeigt, steht: “Großaufnahme vom Walbecker Spargel,
den wir auf der Vorderseite in einem Spezialschaufenster zeigen. Diesmal
handelt es sich um Cellophan-Packungen, die nicht nur besonders hübsch
aussehen, sondern auch vom hygienischen Standpunkt aus wohl das Vollendetste
darstellen, was man sich denken kann. ‘Diese Packungen werden daher auch
besonders gern gekauft und waren vielfach gar nicht in den Mengen zu liefern,
wie sie verlangt wurden. Es versteht sich, daß auch diese Packungen
jeweils mit einer deutlich sichtbaren Marke versehen sind.”
Bei den Spargelbauern von Walbeck
Besuch im Gelderland - Ein Dorf lebt vom Spargel
Erschienen in den Düsseldorfer Nachrichten” am 8. Juni 1937
Es ist noch gar nicht so lange her, etwa
um das Jahr 1925, als das Seidenweberdorf Walbeck, nahe der holländischen
Grenze, im Geldernschen gelegen, sich in Westdeutschland einen Namen als
Spargelanbaugebiet zu machen begann. Mit der Seidenweberei schien es nicht
mehr so recht klappen zu wollen, Inflation und Besatzungszeit hatten ihre
Spuren hinterlassen, und auch der bis dahin gewissermaßen “hauptamtlich”
betriebene Gemüsebau bot keine lohnende Beschäftigung mehr in
diesem Grenzstrich zwischen Maas und Niers, wo förmlich ein Gemüsebauer
den anderen ablöst. Es sah nicht sehr rosig aus um die Zukunft des
Dorfes Walbeck, das um diese Zeit mit seinen alten Burgen und dem aus dem
14. Jahrhundert stammenden Schloß Walbeck einen gar stillen und verträumten
Eindruck machte.
Aus diesem unfreiwilligen “Dornröschenschlaf”
riß der starke Wille und die Tatkraft eines weitschauenden Mannes
das stille Dorf und seine Bewohner. Der Besitzer der alten Wasserburg Walbeck
erkannte als erster die große Bedeutung einer Spezialisierung auf
e n e bestimmte Gemüsesorte, er “erfand” den Walbecker Spargel.
Es dauerte natürlich eine Zeit, ehe die sofort von ihm angelegten
Spargelkulturen Ertrag zu bringen begannen, doch nach und nach eroberte
sich der Walbecker Spargel die westdeutschen Märkte, die vorher fast
ausschließlich vom Büdericher und Mainzer Spargel beherrscht
wurden. Ein fein differenziertes Ausleseprinzip erleichterte den Erfolg,
der auch bald von den übrigen Dorfbewohnern anerkannt wurde. Sie alle
stellten ihren Gemüsebau auf Spargel um, ein ganzes Dorf fand wieder
Arbeit und Verdienst.
Heute ist der Walbecker Spargel in ganz
Deutschland bekannt, seine strenge Sortierung in mehrere Gütegruppen
hat ihm überall die Freundschaft der Spargelliebhaber eingetragen.
Man hat dieses System de, Auslese auch in den anderen Spargelgebieten Deutschlands
übernommen und auf den großen Gemüseversteigerungen sogar
zur Pflicht gemacht. Man muß einmal zur Spargelzeit, die gewöhnlich
von Anfang Mai bis Mitte Juni dauert, in diesem Teil des Gelderlandes gewesen
sein, um die Entwicklung Walbecks vom kleinen Seidenweberdorf zur “Spargelindustrie”
beobachten zu können. Allein auf dem Rittergut Walbeck sind Hunderte
von Frauen täglich von der frühesten Morgenstunde bis in den
dunkelnden Abend mit dem Ernten, Schneiden und Sortieren jener beliebten,
zartgelben Stangen beschäftigt. Und auch auf den Feldern rund um das
Dorf Walbeck kauern die Bäuerinnen und Mägde mit ihren weißen
Kopftüchern, um Spargel zu stechen.
Im Dorf aber ist die Erntezeit eine wahre
Freuden- und Feierzeit geworden. Denn mit dem Spargel kamen auch die Fremden
aus nah und fern, um ein Spargelgericht sozusagen an der Quelle zu kosten.
Die Straßen sind bekränzt und beflaggt, ähnlich wie zur
Zeit der Weinlese im Rhein- und Moselgau, in den Gasthäusern künden
Schilder die leckersten Spargelgerichte an, die im schattigen Wirtshaus
besonders köstlich schmecken sollen. Und während draußen
in greller Sonne der üppig “schießende” Spargel geborgen und
heimgetragen wird, ist die grüne Birkenallee, die zum Dorf führt
ständig belebt von Spaziergängern und Automobilen, die ein “Pröbchen”
Spargel mit nach Hause nehmen.
Spargeleinkauf an der Quelle
Eine gute Spargelherkunft macht von sich reden
Rittergut Walbeck, das Spargelgut, im Lichte seiner Besucher
Von Dr. Heinz Roth, Krefeld.
Für die deutschen und die Spargelgebiete
überhaupt sind die Tage kritisch, die plötzlich eine überaus
warme, gar heiße Witterung bringen, bei der der Spargel geradezu
aus der Erde schießt. Der plötzlich große Spargelanfall
muß nun ebenso plötzlich untergebracht werden, denn die Frische
des Spargels darf unter keinen Umständen leiden. Außerdem hat
diese heiße Witterung den unvermeidlichen Nachteil, daß der
Spargel bei der drückenden Hitze rötlich und sogar blau oder
grün angelaufen aus der Erde kommt. Der Sand der Spargelwälle
ist so heiß daß der Spargel bereits dann in die Sortierbeschaffenheit
“blaugrün” gerutscht ist, wenn die Spargelspitzen durch den heißen
Sand emporwachsen. Diese Sortierbeschaffenheit wird weniger gut bezahlt
und hält sich also auch nicht so gut. Er muß daher auf dem schnellsten
Wege in den Verbrauch gebracht werden, also am besten unmittelbar vom Felde
weg und ohne jedes Zwischenglied. Es hat sich als praktisch erwiesen, daß
man die oberen Enden sofort ißt bzw. zubereitet und die unteren längeren
Enden einmacht, da nur das obere Ende leicht verderblich ist. Der Verbrauch
muß in solchen Zeiten und an solchen Tagen ebenso schnell benachrichtigt
werden, daß Spargel in größeren Mengen und unsortiert
zu Einmachzwecken zu kaufen sind, wobei allerdings die Erzeuger in keiner
Weise die Belieferung des Verteilerhandels unterbinden oder verkleinern.
Es soll ja nur die Menge auf einem schnellsten Wege unmittelbar abgesetzt
werden, die sich infolge der Hitze nur schlecht hält. Die Benachrichtigung
des Verbrauchs geschieht am besten durch eine Zeitungsanzeige, die dann
wie im zu schildernden Falle eine Wirkung ausgelöst hat, die man sich
nicht hat träumen lassen. Nehmen wir unser Beispiel. Das Rittergut
Walbeck, das Spargelmuster gut, am linken Niederrhein, erfreut sich von
Jahr zu Jahr mehr der Gunst der Spargelverbraucher, wie auch das Dorf Walbeck
das Spargeldorf im Rheinland ge worden ist. Das sonst so verträumte
Dörfchen unmittelbar an der holländischen Grenze gelegen, wird
in de Spargelzeit zur Großstadt. Und der Weg vom Dorf Walbeck zum
Rittergut und Schloß Walbeck gleich dann mehr einer Großstadtstraße
nach Geschäftsschluß abends 19 Uhr, als einem nicht einmal breiten
Zufahrtsweg von Dorf nach Rittergut Walbeck. Um die Übermenge Spargel
reibungslos abzusetzen, hatte daß Rittergut Walbeck in den besonders
heißen Tage, dieser Spargelzeit Anzeigen in den Zeitungen der benachbarten
Großstädte aufgegeben, und etwa 200 Schrift vor der Vorburg
des Schlosses, in der sich auch die Spargelsortierräume befinden,
einen Verkaufsstand für Spargel eingerichtet. Der Erfolg war einfach
verblüffend. Am 25. Mai waren etwa 300-500 Autos (nach Schätzungen)
beim Rittergut Walbeck erschienen. Am 27. Mai wurden die Autos einmal gezählt
und man kam auf die Zahl 280. Und dieser Tag war eigentlich als Verkaufstag
abgesagt. Der Verkaufsstand aber muhte aufgemacht werden, da es einfach
unmöglich war, die Käufer ohne Spargel zurückzuschicken.
Außerdem waren zahllose Radfahrer und Fußgänger erschienen,
alle mit Packgefäßen usw. bewaffnet. Es war natürlich unmöglich,
die Käufer so abzufertigen, daß sie nicht warten mußten.
Sie taten es aber bereitwillig, und am 25. Mai wurde beispielsweise der
letzte Käufer um 21.30 Uhr abgefertigt, nachdem er drei Stunden gewartet
hatte. Dieser Käufer hatte sich die Muße gemacht, einmal festzustellen,
woher alle die Autos eigentlich herkamen. So wurden Autos aus Osnabrück,
aus Herne in Westfalen, aus Hannover, aber auch aus Köln, Koblenz,
Trier und gar aus Bayern gesehen. Als dann nach 22 Uhr der Besitzerin und
Leiterin von Rittergut Walbeck, Frau Major Klein-Walbeck, noch ein verspätetes
Auto zu Gesicht kam, sagte sie, daß der Verkaufsstand geschlossen
sei, da man ja nicht die Nacht hindurch auch noch verkaufen könne.
“Ist denn gar nichts mehr da?” fragten
die Autoinsassen.
Ja, alles, was die anderen nicht mehr
gewollt haben!”
Aber das Auto wollte nicht vergebens gekommen
sein und nahm den übriggebliebenen Rest, wirklich das dünnste
von Spargel, was gestochen werden kann, mit Freuden mit. An diesem 27.
Mai hatten sich in der Zeit von 3.30-5 Uhr morgens bereits sechs Autos
am Verkaufsstand eingefunden, die warten wollten, bis der Verkaufsstand
aufgemacht
würde. Die Käufer wollten sicher gehen, daß sie die Menge
Spargel auch bekom-men würden, die sie kaufen wollten, da an den Tagen
vorher die Mengen auf die Käufer hatten verteilt werden müssen.
Um 7 Uhr früh an diesem 27. Mai wollte Frau Klein-Walbeck eine Gruppe
von etwa 25 Radfahrern nach Hause schicken, da sie sich außerstande
sah, allen Spargel zu geben, zumal ja auch die Bezirksabgabestelle in Straelen
und damit der Verleilerhandel beliefert werden muhte. Bei dieser Gelegenheit
erfuhr sie, daß diese Radfahrer 30, ja 35 und 38 km weit hergekommen
waren, um frischen Spargel zu holen. Als Grund für ihr Kommen gaben
die Käufer übereinstimmend an, daß sie frischen und auch
billigen Spargel kaufen wollten, wobei es ihnen gleichgültig war,
daß sie unsortierten Spargel kaufen mußten.
Der Verkaufsstand, der sich ungefähr
200 Schritt vor dem Sortierraum in der Vorburg befindet, wird von einem
durch einen Poniehengst gezogenen Wägelchen dauernd mit Spargel versorgt.
Und, wenn trotzdem ausverkauft ist, stößt die Verkäuferin
in das zu diesem Zweck wieder hervorgeholte Nachtwächterhorn. Ein
besonders dringender Hilferuf nach Spargel! Außerdem wird die Verbindung
zum Sortierraum durch ein Sprachrohr aufrecht erhalten, mit dem die Wünsche
schnell weitergegeben werden können. Der Verkaufsstand ist den Ansprüchen
gemäß zweckmäßig eingerichtet, und ein Schild macht
die Käufer darauf aufmerksam, daß nur an Verbraucher abgegeben
wird und Händler zum Kauf nicht zugelassen sind.
Aber mit der geplagteste Mann in Walbeck
war in diesen Tagen der Ortspolizist. Er war als “Verkehrsschutzmann” an
der Wegegabelung nach Rittergut Walbeck aufgestellt worden. Am 31. Mai
hing indes an der Stelle, an der der Verkehrsschutzmann bisher stand, ein
Schild an einem Baum “Nach Rittergut Walbeck!” Auf die Frage, wer denn
das Schild angebracht habe, wurde die Auskunft erteilt , der verzweifelte
Schutzmann von Walbeck, er könne sonst nicht mehr zum Mittagessen
kommen.
Und auch die Leiterin des Verkaufsstandes
und die Sortierraumleiterin hat es nicht leicht. Sie wird von den Käufern
nach Spargel am meisten bestürmt, Pralinen, Katzenzungen und Schokolade
bringen die Käufer mit. Aber es konnte alles nichts helfen, denn schließlich
mußte so verkauft werden, daß die vorhandenen Käufer gezählt
und der vorhandene Spargel gewogen wurde. Dann wurde die Spargelmenge durch
die Käuferzahl dividiert und so verteilt, ohne irgend jemanden zu
bevorzugen oder zu benachteiligen. Käufer, die beispielsweise am 3.
Juni 80 Pfund hatten mitnehmen wollen, mußten sich mit 8 Pfund begnügen.
Dieser kurze Querschnitt mag beweisen,
wie sehr der Verbraucher an seinem Spargel hängt und wie sehr seine
Wünsche dahin gehen, einen frischen und vor allem auch einen schmackhaften
Spargel zu bekommen. Dadurch, daß sich das Einmachen des Spargels
beim Verbrauch selbst von Jahr zu Jahr mehr eingebürgert hat, werden
naturgemäß vom Verbrauch größere Mengen benötigt,
die man am liebsten gleich an der Quelle kauft. Hinzukommt, daß das
Spargeldorf Walbeck und auch das Schloß Walbeck in seiner typischen
niederrheinischen Landschaft zu einem Ausfluge geradezu einladen.
So verbindet man das Angenehme mit dem Nützlichen, um auch gleich
den Spargel Walbeck an der Quelle zu essen oder im nahegelegenen Pont bei
Geldern für einen verhältnismäßig billigen Preis soviel
Spargel zu schlemmen, wie man will. Auf diese Weise ist es im Spargelanbaugebiet
um Walbeck gelungen, die während der heißen Tage stoßweise
anfallenden großen Spargelmengen unterzubringen. Daß man sich
der Käufer geradezu erwehren mußte, zeigt wieder, daß
der Spargel seine Beliebtheit beibehalten hat und daß seine Beschaffenheit
einen nicht geringen Eindruck auf den Verbraucher hinterläßt.
Hier liegt Kernpunkt und des Rätsels Lösung, warum man nach Walbeck
geradezu pilgert. Ist es der Spargel allein oder ist es seine Güte,
seine Beschaffenheit, seine Aufmachung ?
Durchs alte Gelderland
Erschienen in den “Düsseldorfer Nachrichten”
am 4. Juni 1937, von A. Vondersieg.
Wenn man vom Gelderland spricht, so können
sich damit verschiedene Begriffe verbinden. Vergleicht man die heutige
politische Landkarte des Niederrheins mit den Karten früherer Zeit,
so sieht man, daß von dem Lande, dem die Kreisstadt Geldern seinen
Namen gegeben hat, politisch nicht viel übriggeblieben ist. In seiner
Blütezeit umfaßte das Herzogtum ein Gebiet, das vom Jülicher
Land bis an die Nordsee reichte. Von den vier Quartieren, in die es eingeteilt
war: Nymwegen, Zütphen, Arnheim und Roermond, ist nur ein Teil des
letzteren, des sogenannten Oberquartiers, beim Reiche geblieben, im wesentlichen
der heutige Kreis Geldern. Aeußerst wechselvoll ist die Geschichte
dieses Gebietes. Seit dem Aussterben des Gelderner Herzoggeschlechtes hat
es oftmals seine Herrscher gewechselt, häufig ist es auch der Schauplatz
greuelvoller Kriegswirren gewesen, bis mit der Einführung der preußischen
Herrschaft 1713 ein gewisser Ruhezustand eintrat. Sehr reizvoll ist es,
der Geschichte dieses Landes an Hand der noch vorhandenen Zeugen der Vergangenheit
nachzugehen, und auch landschaftlich birgt das Gebiet viele Reize, die
dem Rheinländer, selbst dem Bewohner des Niederrheins im allgemeinen
noch wenig bekannt sind.
Nach langen Wochen strömenden
Regens und hängender Nebel weht der Wind wieder von Ost und lädt
zu froher Fahrt. Der D-Zug Köln-Vlissingen bringt mich von Gladbach
zur Reichsgrenze.
An einer Biegung bietet sich mir plötzlich
ein imponierender Blick auf das Tal der Maas. Breit zieht sich im Tal der
dunkle Grenzwald am Ufer des Stromes dahin, hinter ihm, auf der anderen
Seite der Maas, sieht man die Türme und Schlote der alten geldrischen
Stadt Venlo. Unmittelbar vor mir, durch Wald und Hügel verdeckt, befindetet
sich eine Strecke des alten Nordkanals, der von Napoleon angelegt, eine
Verbindung zwischen Rhein und Maas herstellen sollte, und weiter nordwärts
Reste seines alten Vorläufers, der von den Spaniern Anfang des 17.
Jahrhunderts angelegten Fossa Eugeniana. Das Bild ist so schön, daß
ich mich nicht so schnell davon trennen kann, und ich halte deshalb, auf
trockenem Heidepolster dahingestreckt, meine Mittagsrast, zu der die Sonne
nur einige freundliche Strahlen entsendet. Die Nachmittagswanderung führt
mich, immer nahe der Reichsgrenze, weiter durch alte geldrische Ortschaften.
Dann wandere ich dem Ziel des heutigen Tages, dem Spargeldorf Walbeck,
entgegen. Abwechslungsreich wendet der Weg sich jetzt zunächst zur
Maasniederung hinab und ich wandere nun unmittelbar an den saftigen Wiesen
vorbei, auf denen das schwarzbunte Vieh sich mit Behagen ergeht. Schließlich
geht der Weg wieder zur Höhe nach Auwel und Walbeck. Hinter Auwel
liegt die Straße unmittelbar an der Reichsgrenze, hinter dem Straßengraben
ist schon Holland. In ihrem weiteren Verlauf überschreitet die Grenzchaussee
auch die Fossa Eugeniana, man erkennt noch deutlich das breite Kanalbett,
jetzt mit grünem Rasen bedeckt. Eine prächtige Birkenallee bildet
den Abschluß: Walbeck ist erreicht, Walbeck, das Dorf, in dem die
Modernisierung des Gemüsebaues durch Beschränkung auf e i n e
Gemüsesorte vielleicht ihren prägnantesten Ausdruck findet. Viele
hundert Morgen Land werden hier alljährlich mit Spargel bestellt.
Hier hat der vorausschauende, zielbewußte Wille eines Mannes, des
Besitzers der alten Burg Walbeck, der stillen Wasserburg hart an der Grenze,
einem ganzen Dorf Arbeit und Nahrung verschafft. Vor etwa zehn Jahren erst
entstanden die ersten Spargelkulturen auf dem genannten Gute, die erzielten
Erfolge ermutigten nach und nach das ganze Dorf, dem Beispiel zu folgen,
so daß heute fast jeder Dorfbewohner Spargel baut. Vorbildlich in
Anbau und Absatz bleibt aber die Gutsverwaltung. In den Räumen des
Schlosses, wo einst das Geschlecht derer von Schenk zu Nideggen hauste,
regen sich heute in der Spargelzeit hunderte und aber hunderte fleißiger
Hände, um die geernteten Spargel zu bearbeiten.
Als ich in das Dorf eintrete, sehe ich
festlichen Wimpelschmuck in allen Straßen: die Spargelzeit hat begonnen.
Aber die Zeit drängt, ich muß weiter. So scheide ich denn für
heute vom schönen Gelderland.
Das Spargeldorf
Die “Rheinisch -Westfälische Zeitung”, Morgenausgabe vom
10. Juni 1937, schreibt am Schluß ihres Berichtes:
. . . So ist ein ganzes Dorf auf Spargel
eingestellt. Wahrlich, fährt man hinein, so vermeint man den Duft
des Spargels wahrzunehmen, wie es einem mit dem Wein in den Winzerdörfern
ergeht . . . Aber alles Lob gilt doch dem Major Klein; sein Name fällt
in jedem Gespräch.
Erntedankfest im Spargeldorf
Zahlreiche Zuschauer waren Zeugen schöner, sinnreicher Vorführungen
auf der Festwiese bei Schloß Walbeck
Erschienen in der Nationalzeitung” am 1. Juli 1934
Das Wetter hätte beinahe einen Strich
durch dieses schöne Fest gemacht. Nachdem es vormittags ergiebig geregnet
hatte und noch um Mittag der Himmel regenverhangen gewesen war, klärte
es sich gegen 14 Uhr auf und strahlender Sonnenschein flutete über
die prächtigen grünen Wiesen vor Schloß Walbeck, über
das ganze Spargeldorf und die Spargelfelder; es war ein Wetter wie gemacht
für das Spargelfest, alles lauter Sonnenschein, festlich geputzte
Menschen überall.
Kurz nach 15.30 Uhr bewegte sich eine unabsehbare
Menschenmenge aus dem Dorf und der näheren und weiteren Umgebung zu
Schloß Walbeck hin, der Reiterverein Pont–Geldern-Baersdonk in SA-Uniform
rückte an, Musikverein und Cäcilienchor Walbeck marschierten
auf. Gegen 16 Uhr nahm das Fest seinen Anfang. Die großen Wiesen
am Rittergut waren von einer wohl tausendköpfigen Menschenmenge dicht
umsäumt; auf den Wiesen hatte die Veranstalterin, Frau Klein-Walbeck,
mit ihren Gästen Platz genommen; des weiteren waren die Mitwirkenden,
die Spargelstecherinnen in bunter Tracht, der Reiterverein und der Musik-
und Pfarrcäcilienverein angetreten. Und nun wickelte sich ein Programm
ab, so bunt und mannigfaltig, so farbenfroh und unterhaltend, daß
die zahlreichen Zuschauer ununterbrochen in Spannung und freudiger Erwartung
gehalten wurden.
Der Musikverein eröffnete mit dem
schneidig gespielten “Radetzkymarsch” unter dem Dirigenten H. Sleuser die
Veranstaltung. Der Pfarrcäcilienchor mit der Damenableilung unter
Leitung von Rektor Schmölders brachte alsdann den Chor “Frühling
am Rhein” zum Vortrag. Der Reiterverein trabte über die weiten Wiesen,
insbesondere fielen hier zwei jugendliche Reiter auf, die den älteren
in der Reitkunst nicht nachstanden, und ganz besonders beifällig wurden
die allerkleinsten Shetlandponies mit ihren jungen Reitern begrüßt.
Die Spargelstecherinnen von Haus Walbeck, in bunter, schmucker Tracht,
mit ihren weißen Kopftüchern und buntglänzenden Körbchen
führten nun hübsche Reigen in der Mitte der Wiese auf, die mit
lautem Beifall belohnt wurden. Wir können nicht jeden einzelnen Tanz
und jede Reigenvorführung, die an die in heißer Sonne gebräunten
und in harter Arbeit gestählten Stecherinnen gewiß hohe Anforderungen
stellten, eingehend würdigen und beschreiben; auf jeden Fall erledigten
sie sich ihrer Aufgabe mit anerkennenswertem Geschick und aufopfernder
Hingabe.
Abwechselnd mit den Reigen der Mädchen
machten sodann die Reiter ihre Vorführungen. Das Nadelreiten war überaus
spannend für alle Zuschauer. Aus einer Entfernung von 300 Meter heransprengen,
vor den eine Nadel und einen Faden bereithaltenden Mädchen absitzen,
die Nadel einfädeln, aufsitzen und wieder zurücksprengen! Das
war ebenso belustigend für das Publikum, wie es Geistesgegenwart,
Ruhe und Geschicklichkeit der Reiter erforderte. Das Stuhlreiten, wozu
der Musikverein lustige Weisen spielte, war ebenso erheiternd; wer hierbei
gerade einen Stuhl erwischte, war glücklich, wer aber das Pferd hinter
sich herziehend dem entfernten Stuhl zustrebend ihn nicht rechtzeitig erreichte,
hatte das Nachsehen, bis schließlich ein Glücklicher übrigblieb.
Ein Stafettenreiten und eine schneidige Reiterattacke vollendeten das überaus
abwechslungsreiche Programm der Reiter.
Dazwischen eingeschoben brachte der Cäcilienchor
das schöne Lied: “Ein Jäger aus Kurpfalz” zum Vortrag. Der Musikverein
spielte in den kurzen Pausen flotte Marschweisen oder Potpourris.
Landwirtschaftslehrer Dr. Janßen
der Festordner, brachte sodann ein dreifaches Siegheil auf Reichspräsident
und Reichskanzler aus, in das alle Anwesenden freudig einstimmten; Deutschland-
und Horst-Wessel-Lied beschlossen die schöne Feier auf der Festwiese.
Ein wahres Volksfest, das frohe Stimmung verbreitete, das freudigen Widerhall
fand nach der harten Arbeit der Spargelernte, das bei allen Anwesenden
noch lange in schöner Erinnerung nachwirken wird!
Abends fanden im Dorf in den beiden Sälen
Lamers und Neyenhuys Festbälle statt. Auch hier herrschte ein frohbewegtes
Leben und Treiben. Gegen 10 Uhr abends bewegte sich alsdann ein großer
Fackelzug aller Festteilnehmer durch die Straßen des Dorfes, auf
dem Marktplatz endend, wo der Geschäftsführer der Spargelgesellschafi,
Pg. Leo Holla, den Dank aller Beteiligten an Frau Klein-Walbeck für
das überaus schöne Fest und an die NS-Gemeinschaft “Kraft durch
Freude” für ihre Mitarbeit in beredten Worten zum Ausdruck brachte.
So fand das erste Spargelerntedankfest
der Gemeinde Walbeck einen schönen Ausklang. Es zeigte, daß
die Bevölkerung sich nach harten Arbeitswochen frohgestimmt der Erholung
hingeben will, nach dem Motto: „Tages Arbeit, abends Gäste, Saure
Wochen, frohe Feste.”
Das Rittergut Walbeck
feierte zum 9. Male sein Spargel-Erntedankfest
Erschienen in der Nationalzeitung” am, 4. Juli 1936
Am 29. Juni, dem Tage Peter und Paul, wurde
zum 9. Male ein Dank-Hochamt für die Spargelernte in Walbeck gefeiert.
Das Hochamt wurde in der Pfarrkirche zu Walbeck gehalten, die mit roten
Rankrosen und Lilien an allen Altären geschmückt war. Der Kirchenchor
sang sehr schön hierzu die Mitterer Messe.
Zum 9. Male feierte der Spargelbetrieb
des Rittergutes Walbeck sein Erntedankfest. Bereits der Gründer des
Betriebes und des Walbecker Spargelbaues, Major Klein–Walbeck, hatte im
ersten Stechjahr 1928, als nur eine kleine Versuchsfläche gestochen
wurde, die Hilfskräfte am Peter- und Paulstage zu einem kleinen Erntedankfest
eingeladen. Unterdessen ist wohl der Betrieb gewachsen zu einer Gefolgschaft
von rund 170 Hilfskräften, aber noch immer fühlt sich der Betrieb
als eine große zusammengehörende Kameradschaft.
Nie war ein Spargelfest in den letzten
Jahren von einer solchen Stimmung getragen, wie das diesjährige, das
bei bewölktem Himmel, aber oft durchbrechender Sonne, bei leichtem
Wind und von ferne sogar einmal grollendem Donner, doch ungehindert sein
buntes Treiben entfalten durfte. Es waren rund 240 Geladene, wie alljährlich
kam der Reiterverein Pont-Geldern-Baersdonk, diesmal mit 20 Reitern, dazu
ein kleiner Trupp von sieben reitenden und acht reigentanzenden Kindern,
die Düsseldorfer Tanzschülerinnen, die zu einer Vorführung
gekommen waren, und eine Reihe zum Spargelbetrieb in unmittelbarer Beziehung
stehender Gäste.
Im Programm wechselten Reiterspiel, Reigen
und Tanz; besonders gelungen war der reizende Reigen der Sortiererinnen
mit großen bunten Luftballons in allen hellen Farben auf der grünen,
sommerlichen Wiese, und der Walzer, den die Düsseldorferinnen in schönen
weiten ländlichen Stilkleidern vorführten.
Die Reiter ritten zusammen mit Radfahrern,
die über Wippen fahren, und Läufern, die durch bunte Tonnen kriechen
mußten, einen Stafettenritt, und mit roten und blauen Zylindern und
Pritschen wurde später zum Jubel aller die Zylinderschlacht geschlagen.
Beim Stuhlreiten waren Spannung und Anteilnahme der Zuschauer, wie immer,
unübertroffen. Besonders die ungeheure Anzahl von Kindern, die trotz
aller Absperrmaßnahmen eingedrungen war, ging fast zum Wetten über
vor Leidenschaft. Die dichten Reihen der Zaungäste kamen bei diesen
Spielen, die von weitem gut zu übersehen waren, auch auf ihre Rechnung.
Den Mittelpunkt des Proaramms bildete
die Verteilung der Andenken an die wichtigsten und leitenden Hilfskräfte
des Betriebes durch die Gastgeberin Frau Klein-Walbeck und die Verteilung
der Leistungs- und Verantwortungsprämien an die tüchtigsten Stech-
und Sortierkräfte. Auch diejenigen, die in der Spargelzeit kleine
besondere Aemter übernommen hatten, erhielten Geschenke. Dann bekamen
die Kinder Preise, die Ponies geritten und die Tanzkinder, die einen von
den Walbecker Schwestern einstudierten Reigen, “Frühlingsblumen”,
sehr, hübsch vorgeführt und dazu gesungen hatten. Die Reiter
erhielten zum Dank und zur Erinnerung an den Tag Plaketten mit dem Kopf
des Führers, die von der Staatlichen Porzellan-Manufaktur in Meißen
aus braunem Böttger-Porzellan angefertigt worden waren und viel Freude
machten. An den Seiten führten unterdessen die Tänzerinnen mit
Passion einen komischen Wettstreit durch; sie muhten durch Reifen kriechen,
mit Hüten und Schals aus Urgroßmutters Zeiten geschmückt,
die immer an die Nächste in der Reihe nach dem Durchkriechen weitergegeben
wurden. Das Hallo der siegenden Partei erinnerte an Kindertage. Eingerahmt
wurde das Fest von Märschen, die der Musikverein Walbeck spielte.
All dieses fand unter den beiden Erntekränzen
statt, die aus roten, blauen und weihen Feldblumen gewunden und mit bunten
Bändern bewimpelt, an hoher, weißer Stange hingen. Die Tänzerinnen
drehten zum Schluß an den bunten Bändern die Erntekränze
um den Kreis der ausgezeichneten Betriebsmitglieder, während der Chor
der Sortiererinnen sehr hübsch drei Lieder sang, und nach einem drolligen
Bäckergedicht, das der winzige Sohn des Walbecker Bäckermeisters
Kisters in Bäckertracht durch ein Sprachrohr vortrug, die Brezeln
verteilt wurden. Schon vorher hatte man sich an dem allerliebsten weihen
Gestell erfreut, das mit Tulpentöpfchen geschmückt, unter der
Erntekranzstange stand und an hellblauen Bändern die vielen Brezeln
trug.
Bei Harmonika- und Tanzdarbietungen fand
das Fest seinen Abschluß mit der Bewirtung und dem Ball beim Gastwirt
Neyenhuys am Markt, wo nochmals die bunten Luftballons über den Tanzenden
schwebten. Auch die Kinder auf der luftigen Bühne spielten mit den
bunten Ballons Fangball. Jetzt ist das alles verklungen und bei neuer Zusammenarbeit
findet der Betrieb neue Freuden; das umfangreiche Inventar des Spargelbetriebes
muß abgenommen und instand gesetzt werden, die Felder müssen
gegen Schädlinge gespritzt und gegen Verunkrautung geeggt, und das
Heu muß gewonnen werden für die braven Ponies, die vielerlei
Arbeit in den Feldern verrichten. Auch der Hühnerbetrieb und die Reichsherdbucharbeit
werden nach langer Zeit wieder gründlich vorgenommen, die Registratur
wird in Ordnung gebracht und die Kunstdüngerberechnungen aufgestellt.
Der Schlepper fährt die Kunstdüngermengen vom Bahnhof ab, die
dann ausgestreut werden müssen, und außerdem kommen dazu nette
neue Ernten: die Kirschen, Erdbeeren und Erbsen werden gepflückt,
denn selbst ein Spargelbetrieb mag doch nicht das ganze Jahr über
Spargel essen.
“Wo sie landen”
von Marianne Klein-Walbeck.
Am 17. Juni saß ich im Parkhotel
in Düsseldorf zum Mittagessen. Ich nahm natürlich das “Menu”
Ich war noch ein kleines Mädchen,
als ich in einem ähnlichen hübschen großen Hotel saß
und zum ersten Male selbst auswählen durfte, was ich essen wollte.
Ich suchte lange, denn es gab zu viele leckere Dinge. Endlich sagte mein
Vater lächelnd: “Erstens studiert man nicht so lange in einer Speisekarte,
und zweitens nimmt man immer das Menu, das kommt am schnellsten und ist
meist am sorgfältigsten gekocht. Außerdem sind besondere Wünsche
teuer.” Die letzte Mahnung habe ich zwar nicht stark im Leben berücksichtigt,
aber den ersten Rat habe ich gut behalten. Ich nahm also das “Menu”.
Da ich aber allein war - ich war nach Düsseldorf
gefahren, um das Spargelfest 1937 und diese kleine Festschrift zu besprechen
und zu bestellen - studierte ich doch ein bißchen die Speisekarte.
Ich hatte ja bestellt und es wartete niemand.
Also, was hätte ich sonst noch essen
können - da gab es auch “Tages-Platten”. Und was seh ich?
”W a l b e c k e r Stangenspargel
mit holländischer Tunke und gekochtem Schinken. ”
Das konnten nur u n s e r e Spargel sein,
denn aus Walbeck beliefern nur wir den Düsseldorfer Markt durch unsere
guten Großhändler, die Böllings. Das war aber nett. Ich
bat den Oberkellner um die Speisekarte, er brachte mir gleich fünf
Speisekarten und auf allen stand unten:
“W a l b e c k e r Stangenspargel mit holländischer
Tunke und gekochtem Schinken.”
“Das kommt in die Festschrift”, dachte
ich mir, das müssen meine Spargel-Leutchen auch sehen, und ich erzähle
ihnen das kleine Erlebnis. Nun kam noch die Frage, was setze ich als Ueberschrift?
Ich dachte, ich schreibe: “Wo sie landen”.
Und da steht’s. Nicht alle unsere Spargel
landen zwar im Parkhotel in Düsseldorf, aber auch da landen sie”.
In den letzten Jahren, als uns noch erlaubt war einen Versand zu haben,
landeten sie nicht nur in vielen Häusern und Gaststätten am Niederrhein,
nein, sie reisten durch das ganze liebe deutsche Vaterland, nach Borkum
und Ostpreußen, in den Allgäu und nach Hamburg, ins Industrie-gebiet
und nach Köln, nach Sachsen und Schlesien, an die Mosel und an die
Sieg, nach Ostfriesland und in den Hunsrück, in den Taunus und in
die Eifel, nach Berlin und nach München, - und überall hin brachten
sie die Kunde: an einer der äußersten Westecken unseres Reiches,
fast schon in Holland, da liegt ein kleines unbekanntes Dorf, aber da regen
sich viele fleißige Hände. Und die Nachbarn aus Holland können
schon herübergucken nach Walbeck. Walbeck macht seinem großen
Vaterland keine Unehre.
Und wenn überall in Deutschland alles
zusammengerissen wird zu gemeinsamer Leistung, zu Ordnung und Disziplin,
- auch in unserem kleinen Winkel herrscht “Ordnung und Verstand wie eine
alte For derung auf dem Riffergut Walbeck lautet, die noch vom Gründer
unseres Spargelanbaues stammt.
Und diesmal fahren w i r nach Düsseldorf,
wo wir und unsere Spargel so bekannt sind. Die Stadt, in die unsere Spargel
schon so lange reisen, und wo sie willkommen sind, müssen wir uns
doch auch einmal zusammen ansehen: wir fahren nach Düsseldorf in die
Ausstellung “Schaffendes Volk”. Dahin passen wir auch gut, denn wir gehören
zum frohschaffenden Volk. Und wir fahren auf dem Rhein hin und auf dem
Rhein zurück, auf dem geliebten Strom, der durch unsere Heimat fließt
und ihr den Namen gibt. Und wenn wir auch Wunderschönes sehen werden
in der wunderschönen Stadt Düsseldorf, - wenn der frische Wind
unserer Heimat uns wieder entgegenweht, werden wir dankbar an das schöne
Erlebte denken, aber stärker und tiefer empfinden, daß unsere
Kraft aus der Scholle kommt, zu der wir zurückkehren, und der unsere
starke und grenzenlose Liebe gehört.
